schreibidee (366)

da ich gerade im blog die begriffe „stärke“ und „schwäche“ genauer unter die lupe nehme, gehört auch der blick auf zwischenmenschliche beziehungen in dieses feld. ist es stark oder schwach, in einer beziehung treu zu bleiben? ist treue ein überlebtes ideal, das kein mensch leben kann? an diesem punkt gehen die meinungen sehr auseinander. beliebigkeite vs. festlegung. beschränkung vs. erweiterung. ein guter anlass, eine schreibanregung zu „fremdgänger-geschichten“ zu verfassen.

eigentlich steckt in der benennung des schreibanlasses schon eine unlautere bewertung, da „fremdgänger(in)“ bei uns negativ besetzt ist. darum werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, alternative bezeichnungen für lebenslust neben einer festen beziehung zu erfinden. dies können sowohl negative als auch positive oder (falls es jemand schafft) wertneutrale bezeichnungen sein. die bezeichnungen sollen in einem kurzen text beschrieben werden.

in einem zweiten schritt sollen neben der üblichen bedeutung des „fremdgängertums“ weitere bedeutungen gefunden und erfunden werden. was kann fremdgehen noch alles sein? auch hier soll von den schreibenden eine idee in einem kurzen text genauer beschrieben werden. beide kurzen texte werden vorgestellt, um im anschluss eine längere geschichte zum thema „fremdgehen in beziehungen“ zu verfassen. dabei ist die einzige vorgabe, dass es zu einem beziehungskonflikt im laufe der geschichte kommen soll. wie dieser konflikt ausgeht, bleibt den schreibenden überlassen. anschließend werden die geschichten in der schreibgruppe vorgetragen und findet eine feedbackrunde statt.

im letzten schritt wird eine längere geschichte zum erweiterten begriff des „fremdgehens“ geschrieben. dabei bleibt es wiederum den schreibenden überlassen, was sie unter „fremd“ oder „fremde“ verstehen. hier ist die bandbreite unerschöpflich, was für jemanden fremd ist und was es dann bedeutet „fremd zu gehen“. da kann es sein, dass jemand einfach nur einmal einen anderen weg zur arbeitsstelle einschlägt und dies einen effekt auf sein leben hat. oder dass jemand seine glaubensgemeinschaft verlässt. man kann aber auch jemanden die eigene gesellschaftsschicht verlassen lassen, in fremde länder reisen lassen und vieles mehr.

die geschichten werden zum abschluss vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt, in der vielleicht geklärt werden kann, was jeweils unter fremde verstanden wird (oder ob der begriff nicht ein überflüssiger ist).

schreibidee (365)

da wurde was angespült. wind und wellen tragen schwimmende und rollende gegenstände vom meeresgrund an die strände (des lebens). mag es untergegangen, ins kalte wasser gesprungen oder einfach nur schwimmen gegangen sein, es taucht irgendwann wieder auf, manchmal erst nach jahrtausenden. aber eine schreibanregung zu „strandgut-stories“ ist es wert.

als einstieg erhalten alle schreibgruppenteilnehmerInnen eine tabelle von der schreibgruppenleitung. in die eine spalte sollten gegenstände und dinge notiert, die an meeresstränden angespült werden können. in die zweite spalte werden eher emotionale, zwischenmenschliche oder geistige dinge notiert, die einem im laufe des lebens „hochgespült“ werden oder am ego stranden. anschließend stellen alle ihre ergebnisse in der schreibgruppe vor und können ihre eigenen tabellen noch um interessantes erweitern.

nun wird aus jeder spalte jeweils ein punkt ausgewählt. und die gruppenteilnehmerInnen schreiben jeweils die vorgeschichte des gegenstands, des dings, der sache, des gefühls, bis sie strandeten. was war vorher, wie fanden sie den weg ins meer, wie lang lagen sie dort, warum wurden sie jetzt angespült? die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine kurze feedbackrunde statt.

im anschluss werden zwei schreibanregungen gegeben, die jeweils etwas zeit in anspruch nehmen. zum einen soll eine geschichte verfasst werden, in der etliche der notierten gegenstände aus der einen tabellenspalte am strand landen. was geschieht nun mit ihnen? eine person sieht sie und sammelt sie auf oder sie werden zurück ins mehr gerissen oder sie werden als nistmaterial verwendet und vieles mehr. der fantasie sind keine grenzen gesetzt, einzige vorgabe, es geschieht etwas mit dem strandgut.
dann wird ein text zum „seelischen“ strandgut geschrieben. nun werden einzelne oder mehrere ideen aus der anderen tabellenspalte angespült und es stellt sich die frage, was als nächstes geschieht. wie wird damit umgegangen? was machen die menschen und betroffenen daraus? welche konsequenzen hat dies? wird alles wieder versenkt?

die beiden strandgut-stories werden in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt. und zum abschluss listen alle teilnehmerInnen für sich noch einmal auf, was sie gern im meer versenken würden. dabei kann es sich um gegenstände, personen oder emotionen, gedanken und vieles mehr handeln. die listen werden nicht vorgestellt, sondern sind persönliche wünsche, aus denen vielleicht weitere geschichten entstehen können.

nun gibt es hier im blog mit 365 schreibideen für jeden tag in einem jahr eine schreibanregung. für die, die mit dem schreiben nicht mehr aufhören wollen ;-)

schreibidee (364)

es wird ja immer frauen angedichtet, doch männer können es genauso gut, da gibt es keinen geschlechtsunterschied mehr. das beleidigt sein, das gekränkt sein und seinen frust nicht zeigen. nein, man wendet andere mittel an. man zieht sich zurück und spricht nicht mehr. man lässt „aus versehen“ das essen anbrennen, man tobt durch die wohnung, wenn die partnerin ein wenig ruhe haben möchte, man zeigt schon morgens einen gesichtsausdruck, der selbst am nachmittag erschreckend wäre. nur in den konflikt geht man nicht. darum eine schreibanregung zu „passiv-aggressiven geschichten“.

als erstes sammeln alle schreibgruppenteilnehmerInnen für sich formen der passiven aggressivität – dabei geht es um so etwas wie sabotage, rückzug, verweigern von kommunikation, wunden aufreissen … . im anschluss werden die verschiedenen mechanismen der passiven aggression am flipchart gesammelt. nun haben alle einen schönen überblick, um beim ersten text des treffens, einen gedanklichen monolog eines passiv-aggressiven menschen zu verfassen. da ist wut, da ist verzweiflung, da sind rachegedanken und zum beispiel selbstabwertungen oder ausreden, warum kein streit begonnen wird.

die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen, es findet aber keine feedbackrunde statt. denn nun wird der gedankliche monolog einer person, gegen die die passiven aggressionen gerichtet sind, notiert. darin können auch ein paar gesprächsfetzen auftauchen, mit denen der versuch unternommen wird, in den konflikt zu gehen. auch dieser text wird ohne feedbackrunde vorgetragen.

nachdem sich nun alle etwas in den mechanismus dieser konfliktstrategien eingefühlt haben, soll eine längere geschichte verfasst werden, damit aus der schreibgruppe keine therapie-gruppe wird. einzige vorgabe für die längere geschichte ist, dass sie stück für stück eskaliert und der grund dafür in den passiven aggresionen liegt. von wem die ausgehen, ob sie von einzelnen oder mehreren ausgehen, wie damit umgegangen wird, das ist alles den schreibenden freigestellt. anschließend werden die geschichten vorgetragen und es wird eine feedbackrunde durchgeführt, dabei kann man betrachten, durch welche mechanismen die eskalation eventuell noch stärker hervorgehoben werden kann.

zum abschluss wir zu zweit ein schneller dialog geschrieben. zwischen einer person, die in den konflikt gehen möchte und einer die auf biegen und brechen diesem dialog ausweichen will. die dialoge werden der schreibgruppe vorgetragen.

schreibidee (363)

zurückhaltung wird gern als feine wesensart gewertet. in unserer lauten und konkurrenzhaften welt sticht zurückhaltung manchmal heraus. doch zurückhaltung ist auch ein machtmittel – im sozialen kontext nichts preisgeben wollen, andere raten lassen und ein geheimnis aus sich machen. doch es gibt eine form der zurückhaltung, die nicht unbedingt freiwillig geschieht, dann wenn einen die schüchternheit überkommt, wenn man sich unsicher ist. hier eine schreibanregung für „schüchterne texte“.

wie verhalten sich schüchterne menschen? jeder mensch kennt situationen, die verunsichern und einen die eigenen handlungen stoppen lässt. diese unsicherheit strahlt man auch nach außen. eigentlich würde man gern etwas anderes machen, aber irgendwas bremst einen aus. solch eine situation soll zum einstieg von den schreibgruppenteilnehmerInnen erst einmal nur als dialog verfasst werden. was sagt ein schüchterner mensch, wenn er angesprochen wird? wie reagiert er auf fragen oder statements? die dialoge werden nicht in der gruppe vorgetragen, sondern an andere teilnehmerInnen weitergereicht.

im zweiten schritt werden die erhaltenen dialoge von den schreibenden in einen gedanklichen monolog verwandelt. denn schüchternheit ist alles andere, als gedanklicher stillstand. schüchternen menschen geht mit großer wahrscheinlichkeit viel durch den kopf. dies soll nun anhand des dialogs auf maximal zwei seiten verfasst werden. im anschluss werden die dialoge und die gedanken-monologe vorgetragen werden. es findet eine kurze feedbackrunde statt.

nun wendet sich die schreibgruppe dem arrogant-aggressiven potential der schüchternheit zu: es ist eine geschichte zu verfassen, in der ein schüchterner mensch mehr beachtung einfordert. was tut dieser mensch, was denkt dieser mensch? es geht nicht darum, in dem text eine wertung abzugeben, sondern die beweggründe für das teilweise strategische verhalten durchschimmern zu lassen. da gibt es das pochen auf die eigene sensibilität, das abwerten des umfeldes, die selbstverurteilung … viele gründe sind denkbar. die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen, es findet keine feedbackrunde statt.

zum abschluss wird ein längerer „schüchterner“ text verfasst. dieses mal geht es nicht darum, einen menschen, seine gedanken oder seine kommunikation abzubilden. der text selber sollte schüchtern daherkommen. den schreibgruppenteilnehmerInnen wird überlassen, wie sie dies umsetzen. anschließend wird der text vorgetragen und in der feedbackrunde wird betrachtet, welche stilistischen oder sprachlichen mittel den text schüchtern erscheinen lassen. und wem das alles zu sanft war, der kann zum schluss der schreibgruppe noch eine halbe seite lang direkte, deftige und klare worte zum abreagieren finden, die nicht vorgetragen werden.

schreibidee (362)

an einem feiertag wie heute darf es auch einmal ein wenig mehr sein. die meisten schreibideen widmen sich anregungen aus dem alltag, greifen emotionen auf oder kombinieren schreibtechniken mit gegenständen. doch heute soll es um weltliteratur gehen. eine ebenso schlichte wie niveauvolle idee. eine schreibanregung, die nicht weniger will als „literatur vollenden“.

man nehme eine schreibgruppe, dann ein buch der bekannteren art und davon den ersten abschnitt (also etwas mehr als den ersten satz). nun verteile man an alle teilnehmerInnen eine kopie des ersten abschnitts und fordere sie auf, weiterzuschreiben. dabei ist darauf zu achten, dass möglichst nicht viele verschiedene personen in dem abschnitt eingeführt werden. es dürfen von den teilnehmerInnen gern jeweils drei seitengeschrieben werden. anschließend werden die texte vorgetragen, es gibt eine kleine feedbackrunde, in der zum abschluss geraten wird, von welchem autor der erste abschnitt sein könnte. und die schreibgruppenleitung trägt die ersten seiten des buches vor.

im anschluss wird eine schreibanregung durchgeführt, bei der erst einmal gelesen werden muss. die schreibgruppenleitung verteilt eine kurzgeschichte von einem weltberühmten autor, einer berühmten autorin. die letzten drei seiten der geschichte fehlen. nun soll die geschichte von den teilnehmerInnen vollendet werden. auch hier dürfen wieder ungefähr drei seiten geschrieben werden. und auch hier wird im vorfeld nicht verraten von wem die geschichte ist. anschließend werden die abschlüsse der story vorgetragen, es gibt diesmal keine feedbackrunde und es kann geraten werden, wer das werk verfasst hat. die gruppenleitung trägt den schluss der autorin, des autors vor.

ähnliche übungen kann man mit lyrik und aphorismen machen. man sollte als gruppenleitung darauf achten, dass die werke nicht zu bekannt sind, da es sonst den teilnehmerInnen schwer fallen könnte, den text zu ergänzen.

sollte zum abschluss noch zeit vorhanden sein, dann kann auch noch die übung „schreiben wie …“ durchgeführt werden. dazu wird ein kurzer romananfang oder eine kurzgeschichte an alle teilnehmerInnen verteilt und es wird von allen versucht, einen im ausdruck ähnlichen text zu verfassen.

schreibidee (361)

eine schlichte idee, die trotzdem beim durchführen von schreibgruppen für abwechslung sorgen kann und dabei viel spaß macht. der frühling beschert uns auch die ersten süßen früchte des jahres. das spielt zwar keine große rolle mehr, da wir beim verzehr von obst inzwischen jahreszeitenungebunden sind, aber frisch gepflückte erdbeeren schmecken meist besser als importierte. darum heute eine schreibanregung zu „obst-korb-stories“.

die schreibgruppenleitung organisiert vor dem gruppentreffen je nach anzahl der teilnehmerInnen unterschiedliche obstsorten. diese werden auf einer platte oder in einem korb präsentiert. nun suchen sich alle teilnehmerInnen jeweils eine sorte aus, über die sie schreiben möchten. sollte es zu keiner einigung kommen wird gelost oder es wird ein obst-quiz veranstaltet und je nach ranking darf gewählt werden. zum einstieg notieren die teilnehmerInnen zu ihrer obstsorte ein paar eigenschaften und assoziationen.

im anschluss wird ein kurzer text (maximal zwei seiten) in form einer obst-beschreibung verfasst. um was für ein obst handelt es sich? wie wächst es? wie schmeckt es? wann wird es geerntet? wie schmeckt es? … bei dieser beschreibung kann viel mit metaphern zu geschmack, farbe, aussehen gearbeitet werden. das jeweilig obst wird in einer kleinen präsentation der schreibgruppe vorgestellt.

nun wird eine längere geschichte geschrieben, in der die obstsorte eine wichtige rolle spielt. was für eine story kann zum beispiel von einer kiwi handeln? was passiert bei einem bananen-blues? es gibt keine vorgaben, welche rolle das obst spielen muss. anschließend werden die geschichten vorgelesen und es findet eine feedbackrunde in der schreibgruppe statt. da das obst nicht nur zum anschauen da sein soll, bereitet die schreibgruppe gemeinsam einen obstsalat zu.

auch schreibend wird nun ein obstsalat verfasst. ideal wäre es, wenn die jeweiligen obst-beschreibungen während der salatzubereitung vervielfältigt werden können. alle halten nun die kurzbeschreibungen der obstsorten in der hand. während der salat zieht, wählen die teilnehmerInnen für sich die beste obstsalat-kombination aus den früchten aus und schreiben eine kürzere geschichte dazu. während der salat verzehrt wird, werden die jeweiligen geschichten zum abschluss vorgetragen.

schreibidee (360)

wenn man anfängt nach schreibanregungen zu suchen, dann fängt man auch meist an, mit offeneren sinnen durch die welt zu laufen. man betrachtet dinge, die man erlebt hat, auch unter dem aspekt, ob diese eine geschichte wert sind. und je öfter man mit den ausgefahrenen antennen durch die welt läuft, um so häufiger nimmt man ereignisse und anekdoten wahr. darum dieses mal eine schreibanregung zu „anekdoten-sammlungen“.

diese schreibidee benötigt eigentlich einen längeren vorlauf, macht also in schreibgruppen sinn, die sich regelmäßig treffen und in denen gern auch mal kleinere aufgaben übernommen werden. dann kann man die gruppenteilnehmerInnen dazu einladen, sich ein notizbuch anzulegen, das sie möglichst immer mit sich herumtragen. in dieses notizbuch werden über einen längeren zeitraum alle erlebnisse, eindrücke oder szenen notiert, die einem „geschichtsträchtig“ scheinen.

ob es nun im öffentlichen nahverkehr, auf der strasse, am arbeitsplatz oder im nachtleben ist, es gibt immer wieder ereignisse, die einen schmunzeln lassen, einen empören oder vielleicht einen tief bewegen. solche momente sollten in dem notizbuch vor allen dingen festgehalten werden. wenn die aufgabe von der schreibgruppe konsequent verfolgt wird, dann sammeln sich im laufe der zeit eine ganze menge geschichten (und notizen) an.

als erstes werden bei dem anekdoten-sammlung- schreibgruppentreffen von allen teilnehmerInnen ihre notizbücher durchforstet. nun notieren sich die teilnehmerInnen die szenen noch einmal in einem kleinen abschnitt von ein paar sätzen. der schwerpunkt liegt noch nicht darauf, eine geschichte daraus zu machen, sondern in ein paar worten das erlebte wiederzugeben.

anschließend stellen alle teilnehmerInnen ihre abschnitte in der schreibgruppe vor. die schreibgruppe wählt aus dem persönlichen pool der ereignisse pro person zwei beispiele aus, zu denen sie später eine geschichte hören möchte (dies macht man am besten per stimmzettel oder durch kurze abstimmungen per handaufzeigen). nun schreiben die teilnehmerInnen zu den gewählten notizen zwei geschichten. die geschichten werden anschließen in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt.

zum abschluss wählt die schreibgruppe aus den jeweils zwei dargebotenen geschichten noch einmal eine aus. und aus allen ausgewählten geschichten kann eine anekdoten-sammlung der schreibgruppe erstellt werden. entweder veröffentlcht man diese gemeinsam im internet, man kopiert oder druckt ein kleines büchlein oder man veranstaltet eine lesung dazu. der titel könnte zum beispiel lauten „die letzten drei monate in xy – anekdoten, die das leben schrieb“.

natürlich können die kurzbeschreibungen der notizen auch ausgetauscht werden und andere gruppenteilnehmerInnen schreiben eine geschichte dazu, oder man wählt selber die bevorzugte geschichte aus. die sammlung lässt sich über einen längeren zeitraum fortführen und es werden immer wieder neue geschichten von den schreibenden beigesteuert. der alltag bietet zumindest anregungen ohne ende.

schreibidee (359)

das ambiente spielt auch eine rolle. so könnte man die bedeutung von rahmenhandlungen und rahmengeschichten bei romanen oder kurzgeschichten beschreiben. welche untertreibung. der rahmen kann ein bild hervorheben oder verschwinden lassen, aufpeppen oder abschwächen. es ist wie mit den nebenrollen im film – die eigentliche geschichte erhält erst durch den rahmen ihre kraft. na dann, eine schreibanregung für „gerahmte geschichten“.

zum einstieg bringt die schreibgruppenleitung einen text mit, der ausgedruckt in ein kleineres quadrat auf eine seite passt. die kopien werden an die gruppenteilnehmerInnen verteilt. nun kann auf der kopie um den text, nachdem er gelesen wurde, stichwortartig notiert werden, durch welche rahmen die aussage des textes verändert werden kann. die ideen für rahmenhandlungen oder rahmengeschichten werden in der schreibgruppe kurz vorgestellt.

anschließend wählen sich die gruppenteilnehmerInnen für sich einen rahmen aus und schreiben ihn. dafür darf text vor den text und nach dem text notiert werden. und es darf, da man ja rechts und links schwer etwas anfügen kann, ein abschnitt in die mitte des vorhandenen textes, der vorhandenen geschichte platziert werden. wenn dies geschehen ist, werden die texte mit rahmen in der schreibgruppe vorgestellt. es findet eine kurze feedbackrunde statt, in der diskutiert werden kann, wie stark rahmen geschichten beeinflussen.

im nächsten schritt werden die teilnehmerInnen der schreibgruppe aufgeteilt. die eine hälfte schreibt nur einen ausführlichen rahmen, die andere hälfte schreibt eine geschichte. wenn alle das schreiben beendet haben, werden die stories ausgetauscht. die, die stories geschrieben haben, tauschen ihre texte miteinander aus und die, die rahmen geschrieben haben, ihre rahmen. danach kehren sich die schreibaufgaben um. wer einen rahmen schrieb, schreibt nun eine story in einen rahmen, und wer eine story schrieb, schreibt nun den rahmen zu einer anderen story. dieser schreibprozess dauert relativ lang, es sollte also genug zeit dafür eingeplant werden.

anschließend findet eine ausführliche feedbackrunde statt. beim vorlesen werden rahmen und geschichten gekennzeichnet. zum abschluss werden abermals die texte in der gruppe ausgetauscht. nun wird jeder story eine anderer rahmen verpasst. der neue rahmen sollte sich stark vom vorherigen unterscheiden. es soll versucht werden durch den neuen rahmen, der ganzen geschichte eine ganz andere bedeutung zu geben. die neuen gerahmten geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen.

schreibidee (358)

wir menschen verhalten uns stark beeinflusst von unseren gefühlen. wir versuchen selbstfeindliche situationen zu vermeiden, wir weichen schmerz aus und wir wollen im sozialen miteinander mit anderen menschen teilhabe an der welt verwirklichen. vor vielen unserer wichtigen handlungen reflektieren wir die situation, durchdenken sie und kommen zu einem hoffentlich vernünftigen ergebnis. so der idealfall. doch meist kommen emotionen in die quere, die uns zur unvernunft anstiften. eine schreibanregung zu „geschichten der unvernunft“.

zum einstieg werden zwei kurze texte von maximal zwei seiten länge geschrieben. beiden ist die überschrift vorgegeben. der eine ist übertitelt mit „als ich das letzte mal unvernünftig war“, der andere mit „ich wäre so gern unvernünftig und …“. beide texte werden nicht in der schreibgruppe vorgetragen, da sie eventuell sehr persönlich sind.

im zweiten schritt wird eine tabelle erstellt. erst füllen die tabelle die schreibgruppenteilnehmerInnen allein aus und dann werden die ergebnisse in der gruppe zusammengetragen. in die tabelle werden in die eine spalte unvernünftige handlungen eingetragen (z.b. mit über 200 km/h auf der autobahn fahren) und in die zweite spalte werden mögliche gründe für das verhalten eingetragen. hier darf der fantasie nachgegeben werden. es geht nicht darum „entschuldigungen“ für eigenes verhalten zu finden, sondern die begründungsmuster nachzuvollziehen (die nicht logisch sein müssen).

nun wird eine kurze geschichte von allen verfasst, in der eine person unvernünftig ist. die geschichte besteht einzig aus den gedanken der person, aus ihren abwägungen, einschätzungen und selbstreflexionen. gleich darauf wird eine zweite kurze geschichte verfasst. sie soll die folgen des unvernünftigen handels aufgreifen. dies kann eine kleine katastrophe sein, es können formulierte selbstzweifel oder das genussreiche ausbrechen aus einer rationalen welt sein. beide geschichten werden anschließend in der schreibgruppe vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt.

nach diesen vielen vorarbeiten wird zum abschluss eine längere geschichte der unvernunft verfasst. es gibt nur eine einzige vorgabe: es muss eine unvernünftige handlung im mittelpunkt der geschichte stehe. wie sie umgesetzt, dargestellt, begründet, durchdacht oder entschieden wird, bleibt den schreibgruppenteilnehmerInnen überlassen. anschließend wird die geschichte in der gruppe vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt, in der auch über den genuss am ausbruch aus der vernünftigen welt und deren gefahrenpotential diskutiert werden kann.

und bevor alle teilnehmerInnen nach hause gehen, notieren sie auf einen zettel in einem satz, welche unvernünftige handlung sie in der nächsten woche umsetzen wollen. diesen zettel nehmen sie mit nach hause.

schreibidee (357)

eigentlich wäre ja weihnachten die richtige zeit, um geschichten über wesen zu schreiben, an die man glauben muss oder auch nicht. doch ostern hat ja auch viel mit dem himmel und dem glauben und den flügelwesen zu tun. (übrigens gibt es das sehr schöne kinderbuch „zwengel“ von wolfdietrich schnurre. bei „zwengeln“ handelt es sich um engel, die auf dem boden sind und nicht mehr in den himmel kommen und um zwerge, die in dem himmel sind und nicht mehr auf den boden kommen.) jedenfalls ist dies eine schreibanregung für „engelsgeschichten“.

um es gleich vorwegzunehmen: bei schreibgruppen sollte man darauf achten, keine glaubensposition einzunehmen, da alle menschen sehr verschiedene vorstellungen vom glauben haben. deshalb sind die „engelsgeschichten“ auch nichts anderes als geschichten über fabelwesen, wer ins einen geschichten darüber hinausgehen möchte, kann dies natürlich tun.

zu beginn werden die schreibgruppenteilnehmerInnen aufgefordert, ihre fantasie spielen zu lassen und einen engel als protagonisten (es kann natürlich auch eine engelin sein) zu entwerfen. man kann einen kleinen steckbrief erstellen: angefangen beim namen, über das alter, die haarfarbe, den wohnort im himmel, die flügelspannweite, die kleidung, das schuhwerk, bis zu charaktereigenschaften, der sprache, den momentanen aufenthaltsorten, die freunde und freundinnen und so weiter. aus dem steckbrief wird ein kurzer text erstellt (maximal zwei seiten) und vielleicht eine kleine zeichnung vom eigenen engel gefertigt. text und zeichnung werden kurz in der schreibgruppe vorgestellt.

anschließend können die schreibgruppenteilnehmerInnen dazu übergehen, eine geschichte zu verfassen, in der sie dem engel begegnen. dabei ist die wahl freigestellt, wie sich der engel, die engelin verhält. bis heute sind sich die menschen nicht darüber einig, ob engel nur gutes tun oder auch bösartig sein können. diese geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen und es gibt eine kurze feedbackrunde.

das faszinierende an engeln ist ja, dass sie unerwartet auftauchen (passt ganz hübsch zu dem thema „störung“) und dass sie fliegen können. nun soll eine längere geschichte dazu geschrieben werden, in der ein engel die hauptrolle spielt. was erlebt er? was passiert? hat er außergewöhnliche kräfte? anschließend werden die geschichten vorgelesen und es findet eine feedbackrunde statt. zum abschluss des schreibgruppentreffens kann man aufschreiben, was man selber gern für ein engel werden würde und welche fähigkeiten man haben möchte. dabei können natürlich neue engelsformen erfunden werden.

schreibidee (356)

„theater, theater…“ sang einmal katja ebstein (http://www.youtube.com/watch?v=aVIw5axKze8). ein lied, dass vor lauter metaphern beinahe platzt und doch so langsam auf die heutige schreibidee zuführt. es geht um das, was gespielt ist, was man sonst nicht sieht. darum eine schreibanregung zu „hinter-dem-vorhang-geschichten“.

zu anfang erstellen alle schreibgruppenteilnehmerInnen eine lange liste, wo es im alltag wichtige und weniger wichtige vorhänge gibt. sie begegnen uns sehr oft, doch man nimmt sie teilweise kaum war. mag es ein kämmerlein oder eine geisterbahn sein, beim arzt oder im zug, überall finden sich vorhänge. diese listen werden in der schreibgruppe am flipchart zusammengetragen. anschließend wählen sich alle teilnehmerInnen aus dem pool ein beispiel aus.

nun werden das ambiente und die üblichen situationen aus der sicht des vorhangs beschrieben. was erlebt der vorhang an einem tag in einem monat oder über die zeiten hinweg. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen und es gibt eine kurze feedbackrunde.

doch viel interessanter ist es ja, was hinter dem vorhang passiert, wenn er zu gezogen ist. dafür wird abermals ein vorhang-beispiel von den teilnehmerInnen gewählt. es soll eine kurze geschichte geschrieben werden, in der jemand einen geschlossene vorhang wahrnimmt und anfängt darüber zu spekulieren, was dahinter geschieht. so eine art schlüsselloch-geschichte, ohne wirklich zu wissen, was sache ist. die spekulation steht im vordergrund. auch diese geschichte wird in der gruppe vorgetragen und es findet eine kurze feedbackrunde statt.

die eigentliche story ist dieses mal zu anfang vorgegeben. die schreibgruppenleitung hat einen kurze text verfasst, in dem jemand an einen unbekannten ort kommt, sich durch ein labyrinth aus gängen und treppen bewegt und plötzlich vor einem vorhang steht und seltsame geräusche hört. in diesem moment bricht die vorgabe ab und alle teilnehmerInnen sollen die geschichte zu ende führen. es kann viel spaß machen zu spekulieren, wer den, die protagonistIn durch den vorhang schreiten lässt und was sich dahinter verbirgt. die geschichten werden vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt.

zum abschluss kann noch ein kurzer dialog zwischen eine person hinter dem duschvorhang und einer davor geschrieben werden.

schreibidee (355)

ich möchte dieses mal den gedanken der steten kombination aufgreifen. beim kreativen schreiben lassen sich ohne probleme absurde verknüpfungen herstellen, die neues, spannendes oder auch sinnloses ergeben. der versuch ist es jedenfalls wert und deshalb hier die schreibanregung zu „kkk – kreativen kombinationsketten“.

gestartet wird mit einem beipackzettel eines medikaments. alle teilnehmerInnen der schreibgruppe bekommen die kopie des zettels und erhalten die aufgabe, das geschriebene in eine gedicht zu verwandeln. natürlich darf es dabei zu auslassungen und neukombinationen kommen, nicht der gesamte beipackzettel soll wiedergegeben werden. anschließend werden die gedichte kurz vorgetragen.

da nun alle schon einen beipackzettel vorliegen haben, werden sie aufgefordert, einen liebesbrief in der form eines beipackzettels für medikamente zu verfassen. wie kann man tiefe gefühle als nebenwirkungen darstellen? ;-) es dürfte nicht ganz so schwer sein, da verliebt sein oft genug mit einem krankheitsgefühl verglichen wird. die beipackzettel werden anschließen vorgelesen.

als nächstes bekommen alle schreibgruppenteilnehmerInnen einen kurzen nachrichtentext aus einer zeitung als kopie. dieser text soll nun in die form eines liebesbriefs gebracht werden. wie könnten nachrichten hoch emotional und mit viel liebe an andere menschen vermittelt werden? auch die nachrichten-liebesbriefe werden in der gruppe vorgetragen.

nach dieser kombination verschiedener textsorten schreiben alle teilnehmerInnen ein haiku (es wird kein thema vorgegeben). im anschluss wird das haiku in einen nachrichtentext verwandelt. beide, haiku und nachrichtentext werden vorgelesen. generell kann nach jedem schritt natürlich ein feedback stattfinden, doch die kette der vorgehensweisen würde dadurch länger unterbrochen werden. vielleicht ist es einmal ganz sinnvoll, am stück von kombination zu kombination zu gehen und erst abschließend eine feedbackrunde zu den jeweiligen eindrücken durchzuführen.

denn nun soll ein kochrezept in ein haiku verwandelt werden. dafür bekommen alle teilnehmerInnen die kopie eines rezeptes und sind aufgefordert aus dem vorhandenen text ein haiku zu verfassen. es dürfen auch gern zwei oder drei haikus werden. die haikus werden vorgestellt.

und um zum schluss den kreis zu schließen, ist jetzt ein gedicht in ein kochrezept zu verwandeln. dazu kann entweder das zu beginn aus dem beipackzettel geschriebene gedicht verwendet werden oder ein vorher in der schreibgruppe geschriebenes oder ein von der schreibgruppenleitung mitgebrachtes. auch die kochrezepte werden vorgetragen.

natürlich kann diese kreative kombinationskette durch andere textformen erweitert werden. es können romane in haikus, kochrezepte in kurzgeschichten oder gebrauchsanweisungen in lyrik verwandelt werden. der kombination von schriftlichen erzeugnissen sind keine grenzen gesetzt – oder wie würde ihnen ein gesetzestext als elfchen gefallen?

schreibidee (354)

da „copy & paste“ viele beiträge in diesem blog in letzter zeit dominierte, hier noch ein letztes mal das thema aufgreifen. in dem buch „uncreative writing“ von kenneth goldsmith wird der vorschlag gemacht, einmal dem kopieren von texten einen großen stellenwert zu geben. darum hier die schreibanregung für den ruhigen abend, die ruhigen tage: „kopieren-kopieren“.

diese idee lässt sich nur bedingt in schreibgruppen durchführen und ist kurz und knapp. goldsmith fordert seine studierenden auf, ganze texte oder sogar bücher von hand abzuschreiben oder zu tippen. (siehe http://gettinginsidejackkerouacshead.blogspot.de/ von simon morris, das abgetippte buch „on the road“).

also, wählen sie sich einen längeren, literarischen text aus und schreiben sie ihn ab. wenn sie das mit hilfe einer blog-software bewerkstelligen, dann wird das buch, der text vom ende zum anfang dargestellt.
beobachten sie sich als schreibende. achten sie darauf, was dies in ihnen auslöst. und notieren sie sich vielleicht ein paar gedanken. mehr ist nicht zu tun. als erweiterung könnte man im nächsten schritt einzelne abschnitte aus romanen und büchern abschreiben und neu miteinander kopiere. doch das eigentliche schreiben benötigt erst einmal sowieso einige zeit.

und wenn sie sich fragen, was sie da tun, dann schauen sie sich die begründung von kenneth goldsmith an: http://gettinginsidejackkerouacshead.blogspot.de/2008/06/project-proposal.html .

schreibidee (353)

die kinder sind zu dick, die gesichter zu schlaff, die ernährung zu ungesund. es wird zu viel alkohol konsumiert, immer noch zu viel geraucht. das gehirn muss joggen, der körper nicht zu viel, wegen der kniescheiben. doch eigentlich sollte täglich etwas für die fitness getan werden. und die vorsorge. unbedingt vorsorge bei brust, prostata, magen-darm und alzheimer. ach nein, da war es früherkennung. nicht zu vergessen das richtige zeitmanagement, der abschied vom eindeutigen freien willen und das erlernen der fähigkeit, dem glück auf die sprünge zu helfen. – klingt nach einem fulltime-job ohne einen cent geld. eine schreibanregung zu „selbstoptimierungstexten“.

erst das einimpfen eines schlechten gewissens bringt die menschen dazu, wie man so schön schreibt und sagt: „an sich selbst zu arbeiten“. also wird der einstieg in diese schreibidee gleich ans eingemachte machen. die teilnehmerInnen notieren, was sie an sich selbst optimieren könnten, welche verbesserungsmöglichkeiten es gibt. aus der kleinen liste werden zwei punkte jeweils ausgewählt und zu jedem punkt wird eine halbe seite geschrieben, was und warum es verbessert werden könnte. die texte werden nicht vorgelesen.

anschließend wird die liste noch einmal betrachtet und es werden alle punkte auf der liste ausgestrichen, zu denen man keine lust hat. die schreibgruppenteilnehmerInnen sollten in sich gehen und sich fragen: „habe ich wirklich lust, xy zu verbessern? wirklich???“. im anschluss wird ein etwas längerer text darüber geschrieben, dass einem stetig nahegelegt wird, etwas an sich zu verbessern, man dies aber eventuell gar nicht will. wer hat einem das nahegelegt und warum? darüber wird ein text geschrieben, der frei in der form ist. es kann also eine geschichte, ein gedankenspiel, ein gedicht oder ein pamphlet sein. die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine kurze feedbackrunde statt.

nun bleiben die punkte in der liste übrig, die man wirklich optimieren möchte. in einer tabelle oder einem cluster sammeln die schreibgruppenteilnehmerInnen gründe für die optimierung. sollte jemand tatsächlich nichts an sich finden, das zu verändern wäre, kann er / sie sich gedanken darüber machen, was an den menschen optimiert werden müsste und sammelt dafür gründe. sind die gründe benannt, stellt die schreibgruppenleitung ein paar zitate aus ratgeber-büchern zur selbstoptimierung vor. es werden beispiele für motivationstexte gegeben. denn in der folge sollen die schreibenden eben solche texte verfassen.

einzige vorgabe für diese texte ist es, dass die sprache der motivation und der aufforderung übertrieben werden soll. die texte werden anschließend vorgetragen und es findet eine ausführliche feedbackrunde statt, in der auch betrachtet wird, wie motivierend die texte auf die anderen wirken. nun kann aus allen texten vielleicht ein neuer lebensratgeber erstellt werden. und wenn noch ein wenig zeit übrig ist, dann kann noch ein märchen geschrieben werden: was geschah, damit sie auch heute noch glücklich und zufrieden leben? die märchen werden zum abschluss vorgetragen.

schreibidee (352)

werbung und digitalfetischisten wollen uns glauben lassen, dass die digitale kommunikation und arbeit die lösung all unserer schwierigkeiten und probleme darstellen. ja, dass gar wie von zauberhand unser leben, unsere gesellschaft besser und bereichert werden. sie suggerieren uns mehr kontrolle und authentizität. es klingt wie im märchen. darum dieses mal eine schreibanregung zu „digitalen märchen“.

welche digitalen märchen kennen sie? dies ist die einstiegsfrage, die in der schreibgruppe gestellt werden kann. alle teilnehmerInnen erstellen eine liste, in der sie auflisten, welche dinge zum digitalen leben vermittelt wurden, jedoch der erwartete effekt stellte sich nicht ein. ein klassiker ist zum beispiel die aussage, dass die digitalisierung zeit spare. viele menschen haben das gegenteilige gefühl. und die entlarvung der märchen, dadurch, dass sie geschrieben werden, wird eventuell einen bewussteren umgang mit den digitalen werkzeugen ermöglichen.

zu dieser liste notieren sich die teilnehmerInnen ein paar stichworte, weshalb die propagierten aussagen für sie märchen sind. hier können persönliche erfahrungen oder erfahrungen von anderen einfließen. anschließend werden die märchen am flipchart gesammelt, es wird sich kurz darüber ausgetauscht und alle schreibgruppenteilnehmerInnen wählen einen aspekt für sich aus.

um ein märchen zu einem märchen werden zu lassen, sollten bestimmte kriterien auftauche. neben dem „es war einmal …“ braucht es ein paar fabelhafte wesen oder ereignisse (feen, zauberei, …) und es bedarf einer moral der geschicht, die sie glücklich bis an ihr lebensende leben lässt. darum wird als erstes ein klassisches märchen herangezogen, dass umgeschrieben wird. was nicht passt, wird passend gemacht, alle orientieren sich an einer geschichte. „schneewittchen“, „rumpelstilzchen“ oder „tischchen, deck dich“ passen da ganz hervorragend.

die märchen werden in der schreibgruppe vorgelesen und als kopie verteilt, um sie umzuschreiben. dann wird das märchen von allen „digitalisiert“, natürlich können dabei neue protagonistInnen erfunden werden und die moral der geschicht auch abweichen. die märchen werden in der schreibgruppe vorgestellt, es findet keine feedbackrunde statt. im anschluss wählen die teilnehmerInnen entweder ein neues märchen der digitalen welt aus oder sie bleiben bei ihrer vorherigen grundidee.

zum abschluss wird ein ausführliches, längeres märchen geschrieben, dass an keine vorgaben gebunden ist. es können auch mehrere digitale versprechungen in dem märchen eine rolle spielen. da ist zum beispiel die firewall, hinter der dornröschen schläft (als trojanerin), um zu warten bis ihr prinz (ein kleines aktivierungsprogramm) die hecke durchdringt und es wachküsst. die moral von der geschicht, traue prinzessinnen nicht. es findet nach dem vortrag der märchen eine ausführliche feedbackrunde statt. in ihr wird vor allen dingen betrachtet, wie märchenhaft die geschichten wirken.

schreibidee (351)

es gibt diese tage, die mit dem linken bein, an denen man das gefühl hat, irgendwer habe nichts besseres zu tun, als einem knüppel zwischen die beine zu werfen. ja, es gibt sogar jahre oder leben, die eben diese ständig auftauchenden hürden in den vordergrund rücken lassen. und doch nimmt der mensch unablässig eine hürde nach der anderen, auch wenn kein lebensplan sich so vollendet, wie gedacht. darum eine schreibanregung für „hürdenlauf-texte“.

als einstieg betrachten alle schreibgruppenteilnehmerInnen ihr eigenes leben und überlegen sich, welche hürden in den letzten zehn jahren vor ihnen auftauchten. dabei sollte es sich um hürden handeln, die sie zu einer verhaltensänderung gezwungen haben, die ihre pläne durchkreuzten. nun greifen sich die schreibenden jeweils zwei hürden heraus, die sich in einmal text von maximal einer seite näher beschreiben. anschließend wird eine der hürden in der schreibgruppe vorgestellt.

im zweiten schritt notieren sich die teilnehmerInnen ihre zwei elegantesten sprünge über die hürden. wie haben sie die hindernisse genommen? was mussten sie dafür tun? nicht notwendig ist, dass es wirklich funktionierte. man kann hürden auch umreissen, in stolpern geraten. die eleganz der strategie sollte im vordergrund stehen. zu jeder hürden-überwindung wird auch ein kurzer text von maximal einer seite verfasst. die texte werden nicht in der schreibgruppe vorgetragen.

anschließend stellt die leitung der schreibgruppe eine protagonistin, einen protagonisten vor. und je nach teilnehmerInnenzahl in der schreibgruppe wird die lebenssituation der person um die entsprechende jahreszahl zurückgehend vorgestellt. nun wird von der schreibgruppe gemeinsam ein hindernis-parcours erstellt. in jedem jahr bis zur gegenwart taucht eine hürde auf. was das für eine ist, wird von der gruppe festgelegt. dann wird in der schreibgruppe gelost, wer welche hürde übernehmen muss.

im nächsten schritt schreiben alle teilnehmerInnen den schluss ihrer geschichte, soll heißen, es wird der letzte abschnitt verfasst, der zeigt, ob die hürde genommen wurde oder die person daran scheiterte. wie sehen die konsequenzen aus? dieser letzte abschnitt wird noch einmal abgeschrieben oder kopiert und den vertreterInnen der nächsten hürde in der schreibgruppe übergeben. nun knüpfen alle ihre zu schreibenden geschichten an den letzten absatz ihrer vorgängerInnen an.

es werden ausführliche geschichten zur jeweiligen situation geschrieben, natürlich mit dem letzten absatz, der schon geschrieben wurde und an den schluss gestellt wird. dann wird der gesamte hürdenlauf eines menschen über mehrere jahre in der schreibgruppe vorgelesen. anschließend findet eine ausführliche feedbackrunde zur gruppengeschichte statt. und zum abschluss können sich alle gemeinsam noch ein happy-end ohne hürde überlegen oder alle teilnehmerInnen formulieren jeweils einen kurzen schluss des hürdenlaufs und tragen ihn in der gruppe vor.

schreibidee (350)

die deutschen haben einen seltsamen begriff, der schwer zu erklären ist und stark politisch besetzt ist: die „heimat“. heimat kann überall sein, wird aber meist sehr eng gedacht, also auf den eigenen ort, den eigenen kiez, das eine haus, die eine wohnung bezogen. ist die heimat einmal benannt, dann beginnt das spiel „meine heimat – deine heimat“. ganz selbstverständlich ist die eigene heimat die beste und die fremde nur bedrohlich. es wird zeit, diese vorstellungen zu untergraben, mit der schreibanregung zu „heimat-jedichten“.

dafür sind erst einmal heimatbegriffe zu suchen: die schreibgruppenteilnehmerInnen notieren sehenswürdigkeiten, wichtige gebäude oder institutionen aus ihrer heimat (was sie dafür halten, bleibt ihnen überlassen). nun suchen sie nach worten, die sich auf ihre sehenswürdigkeiten reimen, also zum beispiel „eiffelturm“ und „zweifelwurm“. im anschluss werden zwei vierzeiler in der form „abab aabb“ geschrieben.

doch nicht genug damit: am besten klingen die gedichte in der heimatsprache (also in der landessprache oder im ortsüblichen dialekt). dazu werden die gedichte noch einmal überarbeitet. im anschluss werden die hochdeutsche und die sprachlich veränderte version vorgetragen. es findet keine feedbackrunde statt.

im vorfeld des treffens wurde die schreibgruppe aufgefordert, texte über ihre heimat mtizubringen. dies sollten möglichst touristenführer oder ähnliches sein. man kann auch den lexikoneintrag zum wohnort, oder die fremdenverkehrsbotschaft aus dem internet ausgedruckt mitbringen. einen dieser texte (nicht länger als eine seite) wählen die teilnehmerInnen nun aus. dieser text soll stück für stück verdichtet werden. als erstes wird er auf einen zehnzeiligen abschnitt verdichtet, dann auf maximal zwölf verse (dies sich nicht reimen müssen) und zum schluss auf vier zeilen.

zum abschluss wird der heimattext weitergegeben an andere schreibgruppenteilnehmerInnen. diese verdichten die fremde heimat ebenso, wie oben beschrieben. und auch dieses „heimatjedicht“ sollte noch einmal in die ortsübliche sprache, in den ortsüblichen dialekt übertragen werden. dann werden der heimattext, die erste verdichtung, die zweite verdichtung und die dialektversion vorgetragen. anschließend findet eine feedbackrunde statt. darin kann auch die vorstellung von heimat diskutiert und der wettbewerb, welches der schönere dialekt, die schönere sprache gestartet werden.

sollte noch ein wenig zeit übrig sein, könnten die teilnehmerInnen im vorfeld mitgebrachte heimatgedichte von anderen schriftstellerInnen vortragen und damit den heimatabend beenden ;-)

schreibidee (349)

die gesellschaft splittet sich in ihren lebenskonzepten immer weiter auf. doch bricht man die ganzen nischen und communities runter auf ihre grundeinstellung, landet man meist bei zwei varianten: die häusliche und die karrieristische. oder, um es in andere worte zu fassen, dies ist eine schreibanregung zum thema „nerd vs. herd“.

es geht darum, charaktere zu entwickeln und aus ihnen eine geschichte entstehen zu lassen. also sind alle schreibgruppenteilnehmerInnen dazu aufgefordert, vier charaktere zu entwerfen. einen weiblichen und einen männlichen nerd, einen weiblichen und einen männlichen häuslichen typ. dazu wird eine art steckbrief mit einer etwas ausführlicheren charakterbeschreibung erstellt. dieses jeweils vier typen von allen teilnehmerInnen werden an eine (stell)wand gepinnt. dann schaut sich die ganze schreibgruppe in ruhe die beschreibungen an.

alle teilnehmerInnen wählen sich insgesamt drei personen aus dem pool der nerd- und herd-charaktere aus. sollten einzelne doppelt ausgewählt werden, wird der steckbrief schnell kopiert. anschließend schreiben alle einen trialog. vorgabe ist, die drei treffen sich auf einer party und kommen ins gespräch. über was unterhalten sie sich? wie reden sie miteinander? was haben sie sich zu sagen. die trialoge werden nicht vorgelesen, sie dienen nur dazu, sich mit den charakteren selber etwas vertraut zu machen. nun können bei bedarf die beschreibungen und steckbriefe noch ein wenig erweitert und verfeinert werden.

danach wird eine längere geschichte geschrieben, in der die drei personen eine wichtige rolle spielen. und es soll die lebenseinstellung der drei in der geschichte durchschimmern. dazu dürfen auch die handelsüblichen klischees verwendet werden. es geht darum, einen abklatsch der aktuellen zwei lager in die geschichte einzubinden. im anschluss werden die geschichten vorgelesen und es findet eine feedbackrunde statt. beim feedback kann unter anderem der wiedererkennungswert der protagonistInnen diskutiert werden. kennt man solche menschen? passen sie in die heutige zeit?

zum abschluss wird noch ein charakter entworfen: die zwischenform zwischen „nerd“ und „herd“. dieser charakter wird mit seinem steckbrief in der schreibgruppe vorgestellt.

schreibidee (348)

grautöne sind seit loriot eine farbe mit vielen nuancen. spannend werden aber viele geschichten, wenn man die grautöne beiseite lässt und nur dem schwarz-weiß-muster folgt. da gibt es gut und böse, freund und feind, leben und sterben, dazwischen scheint es keine aspekte zu geben. und wenn die gegensätzlichkeiten aufeinanderprallen, dann entstehen handlung, konflikt und spannung. darum eine schreibanregung zu „zebra-geschichten“ im schwarz-weiß-muster.

zum einstieg erhalten alle schreibgruppenteilnehmerInnen eine tabelle, in die gegensatzpaare eingetragen werden sollen, die man mit „schwarz“ und „weiß“ assoziiert, also zum beispiel dunkel und hell oder untergang und auferstehung. die gegensatzpaare werden in der schreibgruppe kurz vorgestellt und die teilnehmerInnen notieren die für sich interessanten.

nun werden ein kurzer „schwarzer“ text und ein kurzer „weißer“ text verfasst, jeweils maximal eine seite lang. sie sollen keinen bezug zueinander haben. die texte werden in der schreibgruppe vorgetragen. dann werden ein schwarzer und ein weißer text verfasst, die bezug zueinander haben (wiederum jeweils maximal eine seite lang). die beiden texte werden vorgetragen, es findet keine feedbackrunde statt.

denn im anschluss soll ein längerer text entstehen. vorgabe für den text ist es, dass dem zebra-muster gefolgt wird. das bedeutet, in dem text bewegt sich der erste abschnitt auf der „schwarzen“ seite, der nächste abschnitt auf der „weißen“, dann wieder ein abschnitt auf der „schwarzen“ und so weiter. die abschnitte müssen nicht gegensatzpaare bedienen, sondern sollen nur von ihrer stimmung her einen klaren kontrast bilden. je nach zeitkontingent kann vorgegeben werden, wie oft der wechsel zwischen den stimmungen in der geschichte stattfinden soll. anschließend werden die texte vorgetragen und es findet eine feedbackrunde statt, in der unter anderem betrachtet wird, wie gut der kontrast beim hören spürbar wird.

zum abschluss können noch „schwarz-weiß“-elfchen zu gegensatzpaaren geschrieben und vorgetragen werden.

schreibidee (347)

nach den ganzen „bastel“-schreibideen der letzten zeit, nun mal wieder etwas schlichtes, einfaches, schnell vorzubereitendes. was soll laut der hausapotheke bei erkältungen und grippe helfen? die heisse zitrone mit honig und diversen anderen zutaten. es zieht einem den mund zusammen, sogar bei exorbitantem honiganteil. doch die zitrone ist eine vielfältige frucht, die inzwischen in vielen lebenslagen frühere formen der konservierung ersetzt hat. darum eine schreibanregung zu „zitronen-stories“.

zum einstieg erhalten alle schreibgruppenteilnehmerInnen eine zitrone. nun soll die saure frucht metaphorisch in einem maximal einseitigen text beschrieben werden – ihr aussehen, ihre säure oder ihre ätherischen öle in der schale. die texte werden anschließend ohne feedbackrunde in der schreibgruppe vorgetragen. im anschluss wird am flipchart gesammelt, für was man die zitrone verwenden kann. es ist damit zu rechnen, dass viele beispiele gefunden werden.

aus den beispielen wählen sich die teilnehmerInnen jeweils eines aus und erstellen ein cluster dazu. dann schreiben sie ein kurze geschichte von maximal zwei seiten zu ihrem cluster. auch diese geschichten werden vorgetragen, nachdem geklärt wurde, wer gern eine heisse zitrone und wer zitronensprudel nebenher trinken möchte. es findet keine feedbackrunde statt. vielleicht kann man auch noch ein wenig zitronengrasduft am schreibort verbreiten.

nun soll eine längere geschichte verfasst werden, in der die zitrone eine rolle spielt, vor allen dingen aber ihre säure. so ist die einzige vorgabe der geschichte, dass ein biss in eine zitrone einen wendepunkt in der geschichte darstellt (z.b. unter dem motto “sauer macht lustig”). wie dies in die geschichte verankert wird, bleibt den schreibenden überlassen. die geschichten werden in der schreibgruppe vorgetragen und es findet eine feedbackgruppe statt zum beispiel mit der frage, wie glaubhaft der wendepunkt scheint.

zum abschluss kann noch ein kurzes gedicht zur zitrone in der tierwelt verfasst werden, denn es gibt den zitronen-herzogfisch, den zitronen-segelflossen-doktorfisch, den zitronen-zwergkaiserfisch, den zitronenfalter, den zitronenbrillenvogel, die zitronengildammer, den zitronengirlitz, den zitronensittich, den zitronenpieper …